Das RuderhausE-Mail: Raoul Fiebig
Zuletzt aktualisiert: 08.03.2005

Reisebericht


Gerd Ramm
M/S "AIDAcara", AIDA Cruises
28.01. - 04.02.2005, Westliches Mittelmeer


Mit unseren Kindern (32,36,38) buchten wir die Aida cara um einmal das vielgepriesene Clubleben auf See zu testen. Wenn auch ein Aida Fan in einem Forum meinte, alte Leute gehören nicht auf die Aidas, so wagte ich es doch mit meinen 65 Jahren, ich hatte ja jugendliche Begleitung.

Ich bin Anhänger der traditionellen Kreuzfahrt auf alten Schiffen, die ja leider immer mehr außer Dienst gestellt, bzw. verschrottet werden. Wenn man aber andere Produkte beurteilen will, muss man sie auch live erleben. Ich saugte also etwa 10 Stunden Videoberichte aller möglichen Fernsehsender in mich auf, obwohl diese Berichte sich sehr gleichen. Es wird von oben (Luxussuite) und ganz unten (Chinesen in der Wäscherei) berichtet, dazwischen ist Küche und Brücke, vom Schiff sieht man herzlich wenig. Soviel zur Vorbereitung.

Von der Aufmachung der Reiseunterlagen war ich beeindruckt. In einem Heft war kontinuierlich alles, was man von Anfang bis Ende der Reise an Tickets braucht einschließlich schon ausgefüllter Kofferanhänger. Da hat jemand mitgedacht.

Beim Hinflug mit Condor war wieder etwas Neues, der Start wurde im TV live übertragen, so konnte ich die Realistik meines Microsoft-Flugsimulators überprüfen.

Das Einchecken ging ohne größere Wartezeiten zügig voran, sogar mit Registrierung der Kreditkarte. Wir hatten drei Kabinen auf Deck 4, davon eine Außenkabine, die natürlich durch das große Fenster das Highlight bei den Kindern war. Die Kabinen ausreichend groß mit ausreichend Schrankraum und 10 Bügeln pro Nase von stabiler Qualität, die für eine Wochenfahrt ausreichen. Reichlich Ablagefächer und ein Drahtkorb für Schuhe. Die Kabine in warmen Tönen, nicht quietschig. Die "Beleuchtungsinseln" tauchten die Kabine in ein warmes, gemütliches Licht. Nur mit der Temperatur standen wir alle auf Kriegsfuß. Das Schiff ist geheizt wie ein "alte Leute" Schiff. Trotz niedrigster Stufe ließ sich die Temperatur nicht unter 23 Grad drücken (wir haben immer ein Thermometer mit), was zum Schlafen eindeutig zu heiß ist. Die Kinder ließen einen Techniker kommen, der aber auch nicht für Änderung sorgen konnte.

Man muss den Massentourismus lieben, wenn man auf einen 38 000 Tonner mit über 1000 Passagieren geht, es wird voll und eng. Nach Douglas Ward ist die Space Ratio, der Platz je Passagier für die cara 32,5, bei der blu 44,0 und auf der Europa 69,6. Da wir zu Fünft reisten, mussten wir uns schon bei den Restaurants in die Schlange bei Öffnung einreihen, um zusammen einen Tisch zu ergattern. Bei den Preisen an Bord ist es verständlich, dass die kostenlosen Tischgetränke wie Wein, Bier und Wasser stark genutzt wurden und die Verweildauer im Restaurant erhöhen. Ein Radeberger zu 2,40 ist noch zu ertragen, aber ein Cocktail für 6,30 oder ein Vodka zu 3,60 sind schon ganz heftig. Auch die Ausflugspreise sind überteuert. Kostet z B bei Phoenix der Ausflug Granada von Malaga aus 80 Euro, so kostet er auf der Aida 99.

Die Kinder wollten den geheiligten Rasen des 1.FC Barcelona zu 45 Euro anfassen, der Ausflug wurde gecanceld wegen Mangel an Beteiligung. Also machten sie es auf eigene Faust für einen Bruchteil, hatten allerdings die Erklärungen auf spanischem English. Sehr gut gefallen hat mir das Sammeln der Ausflugsteilnehmer in verschiedenen Räumlichkeiten. Das verhindert ein Gedrängel an der Gangway.

Das Essen wird nur in Büfettform angeboten. Täglich wechselnde Themenbüfetts mit sehr schöner Dekoration gefielen uns außerordentlich, obwohl wir mehr die Restauranttypen sind. Dies wurde leider nur im Zuzahlrestaurant Rossini angeboten, was ich aus Prinzip auf allen Schiffen meide. Selbst verwöhnte Gaumen finden in den beiden anderen Restaurants alles, was das Herz begehrt und auch Vegetarier kommen voll auf ihre Kosten. Der einzige Nachteil ist, dass man viel zu schnell satt wird. Alle Arten von Meeresfrüchten und auch Edelfische wie Seezunge und Red Snapper sowie zum Schluss Hummer satt erfreuten das Kreuzfahrerherz, Fleisch in allen Variationen frisch zubereitet war einfach lecker. Wir bevorzugten das Karibikrestaurant wegen der Geräuschkulisse, die im Marktrestaurant vom Baulichen her höher war. Sehr gut gelöst auch die Raucherabteilungen, sodass man ihnen aus dem Wege gehen konnte. Nicht ganz nachvollziehen kann ich, dass es mittags nur Weißwein gibt, da man eigentlich zu dunklem Fleisch auch dunklen Wein trinkt.

Die öffentlichen Räume sind, wie oben schon erwähnt, knapp bemessen. Es gibt keine Bar, in der man sich bei leiser Klaviermusik unterhalten kann, obwohl es im Tagesprogramm so beschrieben ist. Ich will ja glauben, dass die Verstärker solche Lautstärken hergeben, aber man muss es ja nicht immer voll aufdrehen. Die Disko ist z B für dieses Schiff viel zu klein, denn wenn der Altersdurchschnitt 60 % unter 50 Jahren und 40 % drüber ist, wird es schon knallvoll. Überhaupt befürchte ich, dass es nach dem Umbau im April überall noch voller werden wird, es ist mit der Erweiterung der Restaurantplätze nicht getan. Vielleicht sollte man das Schiff verlängern.

Die Beschilderung im Schiff ist dürftig. Ich will nicht so weit gehen, wie bei der Oosterdam, wo auch vorn und hinten ausgeschildert war, aber einige Hinweise mehr könnten nicht schaden.

Vieles Altvertrautes der traditionellen Kreuzfahrt fand ich auch hier wieder. Der Kapitän wurde im Theater vorgestellt und später auch verabschiedet. Die Eistorte gab's, allerdings ohne Feuerwerk. Die verzehrten Mengen wurden in der Abschiedsshow vorgetragen. Auch Trinkgeld ist hier willkommen, denn am letzten Tag stand am Restauranteingang ein großes Schwein und vor dem Eingang schnitzte ein Philippino Gemüse, auch hier stand eine Sammelbüchse. Aida Fans haben manchmal doch sehr abstruse Vorstellungen. So sagte mir ein Fan in reiferen Jahren, er würde auf kein anderes Schiff als die Aida gehen, weil auf allen anderen Schiffen ja Trinkgeldzwang herrsche und wer diesem Zwang nicht nachkommt, der wird am schwarzen Brett geoutet. Meine Frau und ich waren erst mal sprachlos, versuchten ihm dann zu erklären, dass wir bisher mit 13 Schiffen gefahren sind und nie derartiges erlebt haben, auch haben wir in diversen Internetforen so etwas nicht gelesen, er war von seiner Meinung nicht abzubringen. Soll er auf der Aida bleiben.

Ich hatte das Gefühl, das Schiff war ständig auf Schleichfahrt. 12 bis 14 Knoten nach dem Auslaufen und 9 Knoten nachts, der Fahrplan gab es wohl so her, denn wir waren immer pünktlich. Geschaukelt hat es nur einmal nachts, sodass ich über das Seeverhalten und auch über "full speed" wenig sagen kann. Die Liegezeiten von 8 bis 18 Uhr waren optimal, man konnte in Ruhe von Bord gehen. Für die zwei Tage Barcelona hätte ich lieber Palma de Mallorca gehabt, aber man kann nicht alles haben. Überhaupt habe ich festgestellt, dass wir mit über 20 Kreuzfahrten einiges gelassener sehen als unsere Erstkreuzfahrer. Sie haben mit Begeisterung jedes An- und Ablegen verfolgt. Viele Sachen, die wir am Rande registrierten, haben sie bewusster erlebt. So ist es leider und ihnen wird es später auch so ergehen. Auch stellten unsere Erstkreuzfahrer fest, dass man ständig in Zeitnot kommt, wenn man versucht, alles mitzumachen.

Wir haben uns einige Shows im Theater angesehen. Sie waren sehr professionell, auf die Jugend abgestimmt, obwohl uns einiges an unsere Jugend erinnerte, was da so gesungen wurde. Viel Licht, viel Rauch und sehr große Lautstärke. Die Bässe verursachten ein Kribbeln in der Magengrube.

Die Kleiderempfehlung lt Katalog ist ja sportliche Eleganz, was überwiegend getragen wurde, meistens mit weniger Eleganz. Es gab aber auch die, die auf dem falschen Dampfer waren und sich aufgebrezelt hatten. Der Schlabberlook überwog.

Die cara ist ja umgeflaggt von London nach Genua. Die Arbeitsverträge wurden nach Aussage eines Besatzungsmitglieds neu abgeschlossen. Es wurde einiges anders, aber nicht besser, doch die Arbeitsentgelte blieben im Großen und Ganzen in der Höhe erhalten.

In den Beurteilungsbogen am Schluss schrieb ich: Das Schiff stinkt. Es war während der Liegezeiten schlimmer und je höher das Deck, je weniger war's. Dieses Problem haben eigentlich nur Schiffe mit längeren Aufliegezeiten.

Ich kann mir vorstellen, dass es in wärmeren Gefilden auf den Aussendecks sehr eng wird. Wir hatten ja überwiegend Sonne und der "Belegvirus" grassierte auch im Januar, er ist aus den deutschen Köpfen wohl nicht zu entfernen. Der Pool, viel zu klein für 1000 Leute, war mal geheizt, mal nicht. So wurde ich angesprochen, ob es nicht zu kalt im Wasser war, am nächsten Tag maß ich allerdings 15 Grad, die hatte das Mittelmeer auch. Vorher waren es mindestens über 20 Grad vom Gefühl her, denn sonst sieht man mich nicht im Wasser. Der einzige Whirlpool draußen war mit 38 Grad (über Babybad) zu heiß, genauso der Pool im Fitnessfelsen. Hier könnte man nach meiner Meinung Platz einsparen, denn z B die überdimensionierte Brücke verbraucht sehr viel Platz, ist allerdings sehr dekorativ.

Wenn mir auch dieses und jenes nicht so gefiel, war es eine interessante, schöne Reise, das bestätigten auch meine Kinder. Sie würden natürlich wieder auf Aidas gehen, ich wahrscheinlich nur, wenn ein sehr günstiges Angebot kommt. Eine Woche reicht vollkommen, denn wenn man fast alles mitmacht, braucht man hinterher eine Zeit der Erholung.


Fotos der Reise


Copyright 2005 © Gerd Ramm